Sekundenschlaf ist tückisch – er kann schwerwiegende Folgen haben, selbst wenn er nur Sekunden dauert. Ob Müdigkeit im Alltag, Narkolepsie oder Schlafmangel: Wer die Warnsignale kennt und richtig reagiert, schützt sich und andere. Erfahren Sie, wie Sie Schläfrigkeit frühzeitig erkennen und was wirklich hilft, um wach und sicher durch den Tag zu kommen.
Kolumne von Dr. phil. Daniel Brunner, zertifiziert in Schlafmedizin / Somnologie

Sekundenschlaf – Wenn der Körper einfach abschaltet
Der Begriff Sekundenschlaf ist kein wissenschaftlicher und kein klar definierter Begriff. Er wird im Volksmund gerne benutzt, um ein unbeabsichtigtes Einschlafen oder einen Kurzschlaf zu beschreiben, der durch einen Weckreiz – oft ein Nach-Vorne-Kippen des Kopfes – abrupt endet. So ein Kurzschlaf kann je nach Körperposition und Tätigkeit Sekunden oder mehrere Minuten dauern.
So erkennt man die Anzeichen eines Sekundenschlafs
Unabhängig von der effektiven Dauer des Sekundenschlafs bemerken die meisten Personen erst durch das schreckhafte Aufwachen, dass sie eingeschlafen sind. In einer angelehnten Körperposition mit unterstütztem Kopf wird eine Schlafphase oft gar nicht bemerkt. Ein kurzes Eindösen bei der Bettlektüre oder vor dem Fernseher geschieht bei vielen Personen unter Einschlafdrang mehrmals bis ein Weckreiz das Wachbewusstsein aktiviert.
Mehr als nur Schlafmangel – Ursachen des Sekundenschlafs
Das unbeabsichtigte Einschlafen während einer Tätigkeit kommt am häufigsten in langweiligen und monotonen Situationen und vermehrt bei erhöhter Schläfrigkeit vor. Gründe für hohe Schläfrigkeit sind – neben Schlafmangel – die späte Abend- oder Nachtzeit oder ein fragmentierter Schlaf infolge Atem- oder Bewegungsstörungen im Schlaf. Einige Leute bringen den Begriff Sekundenschlaf auch mit der Schlafkrankheit Narkolepsie in Verbindung. Unter dieser Störung der Schlaf-Wach-Steuerung leidet aber nur etwa eine von 3000 Personen.

Wenn es mehr ist als Müdigkeit – Die Rolle der Narkolepsie
Bei einer Narkolepsie tritt hohe Einschlafneigung plötzlich, täglich und auch in unüblichen Situationen auf. Viele Personen mit Narkolepsie haben zudem beim Aufwachen und Einschlafen reale und intensive Traumerlebnisse, sowie kurze Episoden mit Schlaflähmung. Zusätzliche Merkmale der Narkolepsie sind ein Funktionieren im Halbschlaf und Probleme mit der Muskelspannung bei starken Emotionen.

Wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist
Eine den Alltag behindernde Müdigkeit soll natürlich beim Hausarzt angesprochen werden. Man muss aber zwischen Müdigkeit – im Sinne einer Energie- und Antriebslosigkeit – und Schläfrigkeit mit Kampf gegen das Einschlafen unterscheiden. Während Müdigkeit aufgrund vieler medizinischer Ursachen (Infektionen, Mangelerscheinungen, Hormone, Psyche, Schlaf-Wach-Störungen, körperliche Krankheiten, etc.) entstehen kann, steht eine hohe Einschlafneigung fast immer mit Schlaf-Wach-Störungen in Verbindung.
Welche Abklärungsmöglichkeiten gibt es, um die Ursache der Müdigkeit zu finden?
Die Ursachen von Müdigkeit werden durch Blutuntersuchungen und andere Abklärungen beim Hausarzt überprüft. Organische Störungen der Schlafqualität werden mithilfe einer Schlafregistrierung untersucht. Wenn die Qualität des Nachtschlafs normal ausfällt, wird eine krankhafte Tagesschläfrigkeit mithilfe von Einschlaftests im Labor, die in zweistündlichen Abständen tagsüber stattfinden, abgeklärt. Die häufigsten Gründe für Schläfrigkeit sind aber Schlafmangel sowie unregelmässige oder ungesunde Schlafgewohnheiten, die nicht mittels einer Messung von Schlaf und Hirnströmen in der Nacht, sondern im Patientengespräch erkannt werden.
Schlafmangel erkennen – einfacher Selbsttest
Wer täglich länger schlafen könnte und dies an freien Tagen und in den Ferien auch tut, leidet mit grösster Wahrscheinlichkeit an Schlafmangel. Als Beweis dient eine zweiwöchige Testphase mit täglich um 1 bis 2 Stunden längerem Schlaf. Wenn die Schläfrigkeit und Müdigkeit dabei nachlassen, schläft die betroffene Person im Alltag zu wenig.
Behandlung von Schläfrigkeit – Strategien für mehr Wachheit
Liegt ein Schlafmangel vor, ist die Verlängerung der täglichen Schlafdauer heilsam, während bei gestörter Schlafqualität die zugrunde liegende Ursache des fragmentierten Schlafs therapiert werden muss. Basiert die Schläfrigkeit auf einer Krankheit der Schlaf-Wach-Regulation, helfen eine schlafmedizinische Abklärung und Behandlung weiter. Medikamente zur Stabilisierung der Wachheit, zur Antriebssteigerung, zur Schmerzlinderung etc. können dabei mit Verhaltensstrategien kombiniert werden. Die Befriedigung eines sich tagsüber zeigenden Schlafbedarfs durch täglichen, geplanten Kurzschlaf von 10-20 Minuten ist eine Behandlungsstrategie, die im Umgang mit Tagesschläfrigkeit sehr wichtig ist.
Schläfrigkeit am Steuer – Lebensgefahr durch Sekundenschlaf
Man soll nie mit spürbarer Einschlafneigung ein Fahrzeug lenken. Beim Aufkommen von Schläfrigkeit muss dringend eine Fahrpause eingelegt werden. Eine Rastzeit von 10 bis 15 Minuten mit einem Timer ist sehr effizient, wenn die Ruhepause bei geschlossenen Augen im Autositz durchgeführt und mit einem danach weckenden Getränk kombiniert wird. Die meisten Unfälle geschehen ganz kurz vor der Ankunft am Zielort, weil die Person erleichtert glaubt, das nahe Ziel ohne Pause noch zu erreichen. Lässt der Wachtrieb aber nur für wenige Sekunden nach, kann sofort ein Kurzschlaf eintreten. Weil jeder Autolenker strafrechtlich selber verantwortlich ist, seine Fahrfähigkeit korrekt einzuschätzen, soll man nie ein Risiko eingehen.

Sicher wach bleiben – Tipps gegen Sekundenschlaf
Eine ausreichende Schlafdauer und die erwähnte geplante Kurzpause mit Timer schon vor Antritt der Fahrt können zur Stabilisierung der Wachheit helfen. Vorbeugend ist vor allem das Wissen, dass bei monotoner Fahrstrecke, ohne Beifahrer, in der Nacht, nach dem Mittag, bei Wärme und in Tunnels ein Sekundenschlaf nach wenigen Minuten eintreten kann, auch wenn man sich kurz zuvor hellwach und voll leistungsfähig gefühlt hat.
Wenn Anhalten unmöglich ist – kurzfristige Gegenmassnahmen
Das Ankämpfen gegen den Schlaf am Steuer soll auf jeden Fall vermieden werden. Wenn die nächste Haltemöglichkeit auf sich warten lässt, kann Aktivierung durch Gespräche, durch frische Luft und durch aufrechtes Sitzen am Steuer bei gesenkter Sitzlehne kurzzeitig helfen.






