Während des Schlafs durchlaufen wir verschiedene Phasen. Eine davon tanzt mit ihren schnellen Augenbewegungen aus der Reihe: die REM-Schlafphase.
- Träume aus dem REM-Schlaf können wir öfter und klarer erinnern, da diese Schlafphase bezüglich Hirnfunktion dem Wachzustand nahe ist.
- ‹REM› bedeutet ‹Rapid Eye Movement› (schnelle Augenbewegung).
- In den frühen Morgenstunden fallen wir leichter und länger in die REM-Schlafphase.
Kolumne von Dr. phil. Daniel Brunner, zertifiziert in Schlafmedizin / Somnologie

Wenn sich die Augen im Schlaf schnell bewegen
Generell werden zwei Phasen des Schlafs unterschieden: Non-REM-Schlaf und REM-Schlaf. Der Non-REM-Schlaf kann weiter in die drei Stadien N1, N2 und N3 unterteilt werden. Charakteristisch für den Schlaf der Säugetiere ist sein zyklischer Ablauf mit regelmässiger Aufeinanderfolge von Non-REM- und REM-Schlaf. Beim Menschen dauert ein Zyklus von Non-REM- und REM-Schlaf ungefähr 90 Minuten, so dass je nach Schlafdauer 3-5 Non-REM-REM-Schlafzyklen in der Nacht vorhanden sind. Im Verlauf des Schlafs nimmt der REM-Schlaf-Anteil in einem Zyklus zu, der Anteil an Non-REM-Schlaf ab. Dieser zyklisch strukturierte Schlafverlauf (siehe Grafik) wird auch als Schlafprofil oder Schlafarchitektur bezeichnet.
Einschlafphase (Non-REM, Stad. N1)
Wie der Name sagt, stellt diese Schlafphase den Übergang vom Wach- zum Schlafzustand dar. Wir sind zwar nicht mehr wach, aber noch sehr leicht weckbar. Die Muskulatur entspannt sich zunehmend und der Atem geht ruhig und regelmässig. Unter den geschlossenen Augenlidern finden in der Einschlafphase sehr langsame Pendelbewegungen der Augen statt. Eine Hin- und Herbewegung dauert zirka 5 Sekunden.

Leichtschlafphase (Non-REM, Stad. N2)
Diese Phase macht etwas mehr als 50% unseres Schlafs aus und spielt eine Rolle bei der Speicherung von Erinnerungen im Gedächtnis. Der Schlaf ist im Stadium N2 schon stabiler, wir sind aber noch gut weckbar.
Tiefschlafphase (Non-REM, Stad. N3)
Während dieses Stadiums befinden wir uns in einem tiefen Schlaf und lassen uns nicht mehr leicht aufwecken. Besonders im ersten Non-REM-REM-Schlafzyklus gibt es eine längere Tiefschlafphase, die nachfolgenden Schlafzyklen enthalten wegen des stetig abnehmenden Schlafdrucks immer weniger Stadium N3. Der Tiefschlafanteil eines Erwachsenen beträgt etwa 20% des gesamten Schlafs, ist aber individuell recht unterschiedlich und nimmt mit zunehmendem Alter ab.
REM-Schlaf
Die REM-Schlafphasen sind durch das zeitweilige Auftreten schneller Augenbewegungen gekennzeichnet und werden im Verlauf der Nacht länger. Charakteristisch für den REM-Schlaf ist zudem das Fehlen der Spannung in der Skelettmuskulatur. Der REM-Schlaf macht beim erwachsenen Menschen etwa 20-25% eines üblichen Nachtschlafs aus.

Sind schnelle Augenbewegungen auf die REM-Schlafphase beschränkt?
Die schnellen Augenbewegungen – auf Englisch ‹rapid eye movements› – gaben der REM-Schlafphase ihren Namen und führten in den 1950er-Jahren zur Entdeckung dieser speziellen Schlafphase. Sie treten während des REM-Schlafs zeitweise und in Abschnitten von wenigen Sekunden auf. Die einzelnen schnellen Augenbewegungen entsprechen einer plötzlichen Änderung der Blickrichtung und dauern nur einen Sekundenbruchteil. Im REM-Schlaf kommen auch langsamere Augenbewegungen und Phasen mit ruhiger Augenstellung vor. Die Augen verhalten sich im REM-Schlaf also ganz ähnlich, wie wenn sie einem realen Geschehen oder einer Filmszene folgen würden.
REM-Schlaf oder Traumschlaf?
In Gesundheitsmagazinen und in der Presse wird der REM-Schlaf oft als Traumschlaf bezeichnet, was aus zwei Gründen irreführend ist. Zum einen haben Personen, die selten oder keine Träume erinnern, gleich viel REM-Schlaf und den gleichen Schlafaufbau mit Non-REM-REM-Schlafzyklen wie Leute mit täglicher Traumerinnerung. Zum anderen träumen wir auch während des Non-REM-Schlafs, bloss können wir uns diese Träume weniger gut ins Gedächtnis rufen. Weil bei einer Weckung aus dem Non-REM-Schlaf seltener ein Traum erinnert wird, bevorzugt die Traumforschung den REM-Schlaf als Zeitpunkt für Weckungen.

Wozu dient der REM-Schlaf?
Der REM-Schlaf spielt eine entscheidende Rolle für unser Gedächtnis, unsere Emotionen und unser Nervensystem. In dieser Phase verarbeitet das Gehirn die Eindrücke des Tages, ordnet diese und speichert wichtige Informationen ab. Vor allem die Speicherung von gelernten Fähigkeiten wie Bewegungsabläufe wird in dieser Schlafphase gefestigt. Diesen Effekt machen sich Leistungssportler zunutze: Sie wissen, wie wichtig ausreichender Schlaf ist, denn nur wenn die trainierten Bewegungsabläufe anschliessend im REM-Schlaf verinnerlicht werden, lassen sich Höchstleistungen abrufen.
Warum ist die Muskulatur im REM-Schlaf gelähmt?
Die vollständige Erschlaffung der Skelettmuskulatur ist neben den schnellen Augenbewegungen ein Hauptmerkmal der REM-Schlafphase. Dieser Muskelzustand ohne Spannung wird auch als ‹Atonie› bezeichnet. Nur die Muskeln für die Augenbewegungen und die Muskeln im Innenohr halten den Tonus aufrecht. Die Lähmung der Muskeln in der REM-Schlafphase kann als ein Schutzmechanismus verstanden werden, denn es wäre gefährlich, wenn lebhaftes Traumgeschehen tatsächlich in körperliche Bewegung umgesetzt würden. Fällt diese Lähmung weg, treten im REM-Schlaf Verhaltensweisen mit heftigen Bewegungen auf, die abklärungsbedürftig sind. Vor allem im höheren Alter kann es vorkommen, dass Leute im REM-Schlaf um sich schlagen, schreien und aus dem Bett fallen. Solches Verhalten im REM-Schlaf könnte eine Medikamenten-Nebenwirkung oder auch ein Frühzeichen einer Hirnerkrankung sein.
Gibt es noch andere Merkmale der REM-Schlafphase?
Im REM-Schlaf sind Herzfrequenz und Atmung unregelmässiger als im Non-REM-Schlaf. Besonders in den kurzen Zeitabschnitten des REM-Schlafs, in denen sich die Augen schnell bewegen, wird die Atmung schneller und variabler. In diesen Teilen des REM-Schlafs können trotz ansonsten gelähmter Muskulatur auch feine Zuckungen in den Fingern, Zehen oder in der Gesichtsmuskulatur auftreten. Viele kennen diese REM-Schlaf-Merkmale aus ihren Beobachtungen eines schlafenden Babys oder Haustiers.
Im REM-Schlaf sind wir wie wechselwarme Lebewesen.
Den wenigsten ist bekannt, dass die Körpertemperatur im REM-Schlaf nicht reguliert ist. Das bedeutet, dass wir bei Hitze nicht schwitzen, wie es der Körper zur Kühlung normalerweise tut. Bei Kälte können wir im REM-Schlaf auch nicht zittern, um Wärme zu erzeugen, weil die Muskeln ohne Spannung sind. Warum aber verzichtet unser Körper in einem so verletzlichen Zustand wie dem Schlaf auf die Regulierung der Körpertemperatur? Es wird vermutet, dass diese Funktion auf Sparflamme gehalten wird, weil die Wärmeregulation viel Energie kostet, die dann für andere Funktionen des Schlafs zur Verfügung steht. Ganz genau, weiss man das aber nicht, denn im Schlaf laufen hochkomplexe Prozesse ab, die nicht nur helfen, die Eindrücke des Tages zu sortieren und zu speichern, sondern unseren Körper und Geist auch regenerieren. Welche biochemischen Prozesse die lebenswichtigen Funktionen des Schlafs ermöglichen, ist nicht im Detail bekannt und bleiben der Wissenschaft ein Rätsel.
Gesunden Schlaf fördern





