Ein häufiges und dennoch meist unverstandenes oder gar missverstandenes Phänomen des Schlafs nennt die Fachwelt «partielles Aufwachen», was einem unvollständigen Aufwachen aus dem Nicht-REM-Schlaf entspricht. In den intensivsten Schlafphasen, aus denen das Aufwachen ohnehin schwerfällt, kann das Grosshirn und das Bewusstsein im Schlafzustand verharren, während ursprünglichere Hirnregionen durch einen Weckreiz aufgewacht sind. Die bekanntesten Erscheinungen dieses Zustandes zwischen Nicht-REM-Schlaf und Wach sind das Schlafwandeln und der Nachtschreck, der durch ein panisch-agitiertes Verhalten, meist mit einem Schrei beginnend, gekennzeichnet ist. Beide Phänomene kennt man vor allem von Kindern, die nachts schlafwandeln oder im Falle des Nachtschrecks schreien, die Augen weit aufreissen, panisch agieren und trotzdem nicht aufwachen.
Kolumne von Dr. phil. Daniel Brunner, zertifiziert in Schlafmedizin / Somnologie

Auch Erwachsene sind betroffen
Partielles Aufwachen tritt bei 1-2 Prozent der Erwachsenen auf – das sind meist diejenigen, die schon als Kind Episoden mit Schlafwandeln und/oder Nachtschreck hatten. Der Anteil der betroffenen Kinder beläuft sich auf etwa 30%. Viele Personen haben beide Formen des partiellen Aufwachens, beispielsweise anfänglich Schlafwandeln und in nachfolgenden Jahren eher Episoden mit Nachtschreck. Das partielle Aufwachen kann auch als Mischform der zwei typischen Manifestationen in der Form von schlaftrunkenem wirrem Verhalten im Schlaf auftreten. Bei Erwachsenen gibt es sehr selten auch schlafabhängiges Essen oder sexuelles Verhalten, das ohne Wachbewusstsein im Rahmen eines partiellen Aufwachens geschehen kann.
Weil intensiver Nicht-REM-Schlaf das Auftreten von Nachtschreck und Schlafwandeln begünstigt, kommen die Episoden meist in den ersten beiden Schlafstunden vor. Neben einer genetischen Veranlagung braucht es nämlich als Auslöser oder Risikofaktor für Schlafwandeln und Nachtschreck einen hohen Schlafdruck. Ein solcher ist zu Beginn des Schlafs und besonders unter akutem Schlafmangel vorhanden. So ist es typisch, dass bei Kindern, die vor kurzem den Mittagsschlaf aufgegeben haben, sich die Episoden des partiellen Aufwachens häufen. Schlafmangel und unregelmässige Schlafenszeiten sind wichtige Risikofaktoren für das Auftreten der Phänomene.

Emotionen als Risikofaktor
Auch emotionale Spannungen kurz vor dem Einschlafen, die durch einen Streit, eine Aufregung oder Angst auftreten, können einen Nachtschreck oder das Schlafwandeln verursachen. Wenn Mutter oder Vater eine Gutenachtgeschichte an der spannendsten Stelle beenden würde, bleibt das Kind gespannt und neugierig, wodurch die Aufwachbereitschaft im Schlaf steigt. Das schlafende Kind reagiert also leichter auf einen Weckreiz. Dasselbe gilt für Erwachsene: Wenn ungelöste Probleme, Konflikte und emotionale Spannungen beim Einschlafen im Kopf bleiben, wird partielles Aufwachen begünstigt.
Weckreize mitten im Tiefschlaf
Häufig führen Geräusche, eine volle Blase, Hunger oder Schmerzreize zu einem Weckimpuls. Befindet man sich gerade in einem intensiven Erholungsschlaf, wird es wahrscheinlicher, dass nur bestimmte Hirnregionen reagieren, das restliche Gehirn aber nicht weckbar ist, sozusagen das Aufwachen verweigert.
Eine weitere Ursache für Schlafwandeln und Nachtschreck ist Alkoholkonsum. Dieser erhöht die Schlafintensität zu Beginn der Nacht und wir fallen in einen tiefen Schlaf, aus dem sich das Gehirn ungern wecken lässt. Nach einer Partynacht kombinieren sich oft die Risikofaktoren für partielles Aufwachen: spannende Erlebnisse, Schlafmangel und Alkohol.

Behandlungsmöglichkeiten und Prävention
Schlafwandelepisoden und Nachtschreck kann man am besten bei den oben erwähnten Ursachen bekämpfen. Wichtig ist ausreichender Schlaf, um den Schlafdruck tief zu halten. Ein Mittagsschlaf von 30-60 Minuten kann sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen wahre Wunder bewirken. Zudem ist es empfehlenswert emotionale Spannungen vor dem Schlafengehen möglichst zu vermeiden. Das bedeutet, keine Horrorfilme und andere emotionalen Inhalte vor dem Einschlafen zu konsumieren und nach einem Streit sich vor dem Einschlafen zu versöhnen oder sich Zeit zur Beruhigung zu nehmen. Der Tag soll am besten mit positiven Gedanken und einem Sicherheitsgefühl enden.
In seltenen Fällen werden Medikamente eingesetzt, um partielles Aufwachen zu unterdrücken. Eine medikamentöse Behandlung kommt beispielsweise dann zum Einsatz, wenn ein Kind mit Nachtschreck oder Schlafwandeln in ein Lager geht. In einer fremden Umgebung und fern von der Familie zu schlafen, kann Schlafmangel und Ängste beim Einschlafen begünstigen. Dort ist zudem die Unfallgefahr beim Schlafwandeln erhöht.

Wann fachkundige Abklärung nötig ist
Schlafwandeln kommt bei vielen Kindern vor und benötigt abgesehen von Aufklärung über die Risikofaktoren in der Regel keine weiteren Abklärungen. Treten Phänomen des partiellen Aufwachens im Erwachsenenalter erstmalig auf, sollte jedoch eine Fachperson konsultiert werden, um die Notwendigkeit einer näheren Untersuchung zu klären. Ist man unsicher oder kommt es wiederkehrend zu gefährlichen Situationen, informiert Sie Dr. Daniel Brunner gerne über Massnahmen, die hilfreich oder notwendig sein könnten.






