Wiederkehrende Einschlaf- und Durchschlafprobleme, auch Insomnie genannt, plagen um die zehn Prozent der Bevölkerung. Etwa ein Drittel der Leute sind mit ihrem Schlaf unzufrieden, weil sie an Morgenmüdigkeit, Energiemangel oder Leistungsabfall während des Tages leiden.
Kolumne von Dr. phil. Daniel Brunner, zertifiziert in Schlafmedizin / Somnologie

Das Messen der eigenen Schlafdaten verstärkt Schlafprobleme.
Wer nachts schlecht schläft oder die Ursache der Tagesbeschwerden beim Schlaf vermutet, neigt dazu, den eigenen Schlaf genau zu beobachten, um Hinweise auf Probleme im Schlaf zu erhalten. Nächtliches Schlaf-Tracking befriedigt diesen Drang nach strukturierter Kontrolle, denn es liefert Schlafdaten, die Abweichungen von Normwerten ersichtlich machen und die einen Vergleich mit der subjektiv empfundenen Schlafqualität und Erholung ermöglichen.
Gesundheitsuhren und Schlafmessungen sind beliebt.
Die Messung von Schlaf- und Gesundheitsdaten wird heute durch technische Geräte im Alltag einfach möglich gemacht. Entsprechende Applikationen sind auf unseren Handys bereits integriert oder leicht erhältlich. Sensoren, die auf digitalen Uhren oder in einem Fingerring integriert sind, oder die in die Matratze eingebaut werden können, messen Körperfunktionen und Parameter, welche Rückschlüsse auf den Schlaf zulassen. Meist werden Bewegungssensoren sowie Puls- und Sauerstoffmessungen eingesetzt, um daraus Schlafphasen zu ermitteln. Für eine korrekte Messung des Schlafs und seiner Stadien wäre jedoch die Registrierung der Hirnströme, der Augenbewegungen und der Muskelspannung notwendig.

Schlafdaten sind nur bedingt zuverlässig
Die Daten aus handelsüblichen Schlaf-Trackern sind also ungenau, weil sie nicht den Schlaf selbst messen und deshalb keine klare Unterscheidung zwischen körperlicher Inaktivität und Schlaf machen können. Aber selbst wenn korrekte Schlafdaten vorhanden sind, ist deren Interpretation für eine schlafmedizinisch ungeschulte Person schwierig und oft irreführend. Die Auswertungen und Empfehlungen von Schlaf- und Gesundheits-Apps sind deshalb mit grosser Vorsicht zu geniessen. Nicht nur bestehen starke individuelle Unterschiede bezüglich optimaler Schlafdauer und persönlicher Eigenheiten und Empfindlichkeiten des Schlafs, sondern es müssten auch Alter, Gesundheit, Schlafgewohnheiten und Lebenssituation in die Beurteilung einbezogen werden. Während Insomnie über die subjektive Klage einer Person zu ihrem Schlaf und Tagesbefinden definiert ist, werden die Daten eines Schlaftrackers stark von Atem- und Bewegungsmustern im Schlaf beeinflusst. Tritt bei einer Person eine Atem- oder Bewegungsstörung beim Schlafen auf, ergibt sich schnell eine erhebliche Diskrepanz zwischen den indirekt gemessenen Schlafdaten und dem subjektiven Schlafempfinden.

Schlafmessungen begünstigen eine Insomnie
Die stetige Aufzeichnung des Schlafs kann aktive Personen mit Tendenz zu Verkürzung der Schlafdauer dazu motivieren, längere und regelmässigere Schlafzeiten zu pflegen. Zudem können auffällig abnorme Messwerte bezüglich nächtlicher Bewegungen und Schlafqualität nützliche Hinweise auf einen unruhigen Schlaf infolge Atem- oder Bewegungsstörungen im Schlaf liefern. Für die meisten Personen basiert die Motivation zum Tracking des eigenen Schlafs aber auf dem Wunsch nach einer Kontrolle und Verbesserung der Schlafqualität. Bei Unzufriedenheit mit dem Schlaf oder bei Insomnie ist ein erhöhter Kontrollwunsch aber oft ein Teil des Problems. Zum Einschlafen ist die Abgabe der Kontrolle sowie ein gesundes Mass an Vertrauen in den Schlaf erforderlich. Bei Personen mit Optimierungswunsch löst das Schlaf-Tracking einen Teufelskreis von Spannung und schlechtem Schlaf aus:
- Der morgendliche Blick auf den Schlafscore bewertet die Nacht, bevor man selbst ein Urteil gefällt hat.
- Ein schlechter oder unterdurchschnittlicher Wert erzeugt Anspannung.
- Diese Anspannung erzeugt Druck und schmälert das Vertrauen für die nächste Nacht.
- Der Score am nächsten Morgen bestätigt die Befürchtung eines schlechten Schlafs oder lässt die Person verunsichert mit der Frage zurück, welche weiteren Gesundheitsfaktoren es zu kontrollieren gilt.

Diese Negativspirale ist der Schlafforschung und -medizin gut bekannt und wurde mit dem Begriff «Orthosomnie» versehen. Diese Schlafproblematik ist bei Leuten häufig, die durch permanente Selbstmessung zunehmend unter Druck geraten. Denn der Fokus auf Zahlen, Kurven und Optimierungsziele erzeugt Stress, verunsichert und verschlechtert die Schlafqualität. Durch Aufklärung über das Phänomen der Orthosomnie und durch konkrete Verhaltensempfehlungen in einer Schlafberatung können ungesunde Effekte des Trackings zum Glück meist schnell beseitigt werden.
Gesunden Schlaf fördern





