Die Schweizer Traditionsmarke Künzli hat einen zweiten Store eröffnet – mitten in der Luzerner Altstadt, am Weinmarkt. Hinter dem Schritt steht Inhaber Roberto Martullo, der den 1927 gegründeten Schuhhersteller Ende 2024 vor dem Aus rettete und die Marke seither konsequent verjüngt: mehr Sneaker, Premiumleder, Schweizer Reparatur – und bewusst keine Wegwerfware.
von Ronnie Hürlimann
«Wenn ich Künzli retten kann, dann mache ich das»
Als im Herbst 2024 publik wurde, dass Künzli nach fast 100 Jahren schliessen müsse, weil keine Nachfolge gefunden war, schlug das in der Schweiz Wellen. Roberto Martullo, bis dahin in der Personalberatung für Führungskräfte tätig, las die Meldung – und entschied sich innert kurzer Zeit, einzusteigen. «Das war eindeutig ein Herzensentscheid. Die Mitteilung der Schliessung von Künzli hat mich emotional berührt, und ich wusste gleich: Das muss ich machen», sagt er heute.
Dass seine Eltern als Gastarbeiter jahrzehntelang in der Schweizer Schuhindustrie gearbeitet hatten, sieht Martullo nicht als treibenden Faktor: «Dass meine Eltern in der Schuhbranche tätig waren, spielte für mich keine Rolle. Schuhe waren da als Mode-Accessoire. Mehr nicht. Heute ist das anders.» Per Januar 2025 übernahm er die Firma und führt sie seither persönlich operativ – mit klarer Vision, aber ohne Branchenroutine.

Verjüngung der Marke – ohne die Stammkundschaft zu verlieren
Künzli ist im Orthopädie-Segment seit Jahrzehnten eine feste Grösse: Das hauseigene Ortho-System setzt auf frühfunktionelle Mobilisierung statt Ruhigstellung und geniesst grossen Rückhalt im Gesundheitswesen. Gleichzeitig will Martullo die Marke für eine jüngere, modebewusste Kundschaft öffnen. Der Sneaker-Anteil sei in kurzer Zeit von rund zehn auf über 50 Prozent gestiegen, das Durchschnittsalter der Lifestyle-Kundschaft von 55+ auf 40+ gesunken.
Die Zielgruppe beschreibt der Inhaber präzise: Menschen, die Wert legen auf Qualität, Premium, Swissness und Nachhaltigkeit. In fünf Jahren sieht er Künzli «als bekannten Player im Premium-Segment, mit qualitativ hochwertigen Lederwaren – Sneaker, rahmengenähte Schuhe und Taschen». Die Funktionalität aus dem Ortho-Bereich fliesst dabei in die Lifestyle-Linie ein: Alle Sneaker sind mit herausnehmbaren, leicht vorgeformten Innensohlen ausgestattet, die Platz für eigene Einlagen lassen.
Premiumleder, Portugal, Italien – und kein Wegwerfprodukt
Produziert wird die neue Lifestyle-Linie ausschliesslich in Portugal und Italien, mit Premiumleder und Sohlen aus Nitrilkautschuk. Was den Künzli-Sneaker vom Ware-von-der-Stange unterscheidet, formuliert Martullo nüchtern: «Unsere Lifestyle-Schuhe sind kein Wegwerfschuh. Wir setzen auf Qualität, Swissness und Perfektion. Und zwar auch dort, wo man es nicht sieht.» Die orthopädische Linie wird weiterhin in der eigenen Fabrik in Albanien gefertigt.
Zentral für das Markenversprechen ist die Reparierbarkeit. Sneaker können nach jahrelangem Tragen am Hauptsitz im aargauischen Brugg neu besohlt werden – inklusive Nähatelier und Reparaturwerkstatt im Haus. «Reparierbarkeit ist für uns zentral. Das ist unser Beitrag zu einer besseren, nachhaltigeren Welt», sagt Martullo. Und ergänzt mit hörbarem Stolz: «Wir haben Kunden, die tragen ihre Künzli seit 30 oder 40 Jahren. Ein Künzli ist Teil ihres Lebens.»
Luzern als Standort: Altstadt-Lage am Weinmarkt
Nach dem Flagship-Store in Zürich, nur einen Steinwurf von der Bahnhofstrasse entfernt, ist der Laden am Luzerner Weinmarkt der zweite grosse Auftritt der Marke in einem urbanen Zentrum. Dass es Luzern wurde, war für Martullo kein Zufall: «Luzern ist eine Stadt für sich und ein guter Standort. Die Luzerner sind weniger Zürich-bezogen, weltoffen, aber auch heimatverbunden. Das gefällt mir.»
Der Weinmarkt mit seiner Lage in der Altstadt bringt eine Mischung aus Einheimischen und Touristen, die zur Marke passt. «Die Stimmung ist immer sehr positiv und speziell», sagt der Inhaber. Im Store präsentiert Künzli die aktuellen Sneaker-Modelle, klassische rahmengenähte Schuhe und neu auch Taschen – ergänzt durch persönliche Beratung, die im Online-Handel zwangsläufig fehlt.

Ein Familienunternehmer mit langem Atem
Die Aufbauarbeit der vergangenen Monate ist intensiv. Martullo pendelt täglich von Zürich an den neuen Hauptsitz in Brugg, wo seit Frühjahr 2026 auf 600 Quadratmetern Büros, Lager, Nähatelier, Reparaturwerkstatt und ein Laden untergebracht sind. «In dieser Phase muss ich operativ selbst führen. Es gibt viele Entscheidungen zu treffen, und ich habe eine klare Vision für Künzli», sagt er. Sein Tag beginnt um 6.30 Uhr und endet meist erst um 19.30 Uhr – «in den Randzeiten habe ich keinen Stau».
Wer Künzli heute trägt, kauft nicht einfach einen Schuh, sondern ein Stück Schweizer Industriegeschichte – plus die Aussicht, ihn in zehn Jahren neu besohlen zu lassen. In einer Branche, in der sich vieles im Sechs-Monats-Takt erneuert, ist das eine erfrischend altmodische Haltung. Und genau das scheint im Moment ihre Stärke zu sein.




















